Bye Bye Narzisst
Inhalt
  1. Das Wichtigste in Kürze
  2. Was ist eine Urwunde?
  3. Die vier Urwunden und wie sie sich in Beziehungen zeigen
  4. Warum Narzissten deine Urwunde finden
  5. Woran du merkst, dass deine Urwunde gerade spricht
  6. Urwunde heilen: Wo Heilung wirklich beginnt
  7. Was du jetzt tun darfst
  8. Was ich dir aus meiner eigenen Geschichte sagen kann
  9. Was dennoch gesagt werden muss
  10. Häufige Fragen zur Urwunde
  11. Weiterlesen
Ein Mann hält einer weinenden Frau ein Pflaster mit Herz hin, hinter ihm zeigt ein gesprungener Spiegel sein finsteres Gesicht, vorn liegt ein Zettel mit alten inneren Sätzen wie „nicht gut genug“.
Ein toxischer Partner kann sich anfangs wie ein Pflaster auf einer alten Urwunde anfühlen, weil er genau die Nähe und Bestätigung gibt, nach der sich ein Mensch lange gesehnt hat.
19 Minuten Lesezeit

Urwunde heilen: warum dich eine alte Kindheitswunde an toxische Menschen bindet

Es ist Sonntagabend, und dein Gegenüber spricht seit dem Mittag kein Wort mehr mit dir. Kein Streit, keine Erklärung, nur diese Stille, während du den Tisch abräumst. Deine Brust wird eng, und du gehst jeden Satz des Tages im Kopf noch einmal durch, auf der Suche nach dem Fehler, den du gemacht hast. Was sich da in dir so heftig meldet, ist älter als dieser Abend, und ich nenne es die Urwunde.

Dein Verstand weiß, dass es ein paar Stunden Schweigen sind. Dein Körper reagiert trotzdem mit voller Wucht.

Du bist nicht zu empfindlich.

Deine Reaktion hat einen Grund, und er liegt in einer Zeit, in der du ein Kind warst und keine Wahl hattest. Wer diesen Grund kennt, versteht zum ersten Mal, warum toxische Menschen so viel Macht über das eigene Gefühl bekommen. Und ich sage dir gleich zu Anfang: Das muss nicht für immer so bleiben. Eine Urwunde kann heilen, und dafür gibt es einen Weg.

Das Wichtigste in Kürze

  • Eine Urwunde ist eine seelische Verletzung aus der frühen Kindheit, die entsteht, wenn ein Kind Sicherheit, Nähe oder Anerkennung immer wieder vermisst hat.
  • Ich unterscheide vier Urwunden: Ablehnung, Verlassenwerden, Verrat und Demütigung, und jede zeigt sich in Beziehungen auf ihre eigene Weise.
  • Im Alarmzustand unterscheidet dein Nervensystem oft nicht zwischen deiner Kindheit und heute, deshalb reagierst du auf kleine Auslöser manchmal mit einer Heftigkeit, die dich selbst erschreckt.
  • Narzissten erkennen diese Wunde, sie betäuben sie am Anfang mit genau dem Gefühl, das dir fehlt, und benutzen sie später, um dich zu steuern.
  • Heilung beginnt, wenn du das alte Gefühl bewusst zulässt und dir selbst gibst, was dir als Kind gefehlt hat.

Was ist eine Urwunde?

Eine Urwunde ist eine tiefe seelische Verletzung, die in der frühen Kindheit entsteht. Ein Kind braucht Sicherheit, Trost und das Gefühl, geliebt zu werden, so wie es ist. Fehlt das immer wieder, lernt es, wie es trotzdem emotional überleben kann, und dieses Wissen legt sich tief in sein Nervensystem.

Dafür braucht es keine dramatische Kindheit. Manchmal reichen Eltern, die selbst überfordert waren. Vielleicht waren sie aber auch emotional kaum erreichbar, oder eine Zuwendung war an eine Leistung gekoppelt, zum Beispiel an gute Noten und braves Verhalten. Vielleicht hast du früh gelernt, dass deine Tränen stören, oder dass die Stimmung zu Hause davon abhing, wie still du warst.

Das Besondere an einer Urwunde: Viele Menschen erinnern sich an eine ganz normale Kindheit und spüren trotzdem jeden Tag die Folgen. Sie zeigen sich als Angst, verlassen zu werden, als Gefühl, nie genug zu sein, oder als leiser Auftrag, sich Liebe verdienen zu müssen. Die Wunde arbeitet im Hintergrund und entscheidet mit, wen du anziehend findest und wie lange du bei dem Menschen bleibst, obwohl es wehtut.

Wie aus einer Erfahrung ein innerer Satz wird

Ein Kind kann seine Eltern nicht verlassen und sich andere suchen. Es ist auf seine Bezugspersonen angewiesen, und wenn deren Zuwendung unberechenbar ist, findet es einen Weg, sie trotzdem zu bekommen. Es wird besonders hilfsbereit, besonders unauffällig, oder es spürt schon an der Haustür, in welcher Stimmung die Mutter oder der Vater gerade ist.

Aus solchen Erfahrungen werden innere Sätze: „Ich bin nur etwas wert, wenn ich funktioniere.“ „Wenn ich etwas brauche, bin ich eine Last.“ „Nähe kann jederzeit abreißen.“ Als Erwachsener denkst du diese Sätze nicht bewusst. Sie fühlen sich an wie Tatsachen, und dein Körper handelt danach, lange bevor dein Verstand mitreden kann.

Eine Frau steht nachdenklich an einer Kommode und betrachtet ein gerahmtes Foto von sich als kleines Mädchen.
Der Blick auf das eigene jüngere Ich kann sichtbar machen, wie frühe Erfahrungen und alte innere Sätze bis heute das Erleben in Beziehungen prägen.

Die Geschichte von Felix

Wie tief so ein innerer Satz reicht, habe ich an der Geschichte von Felix gesehen. Felix war 43, als ich ihn kennengelernt habe, und seit Jahren mit einer Frau zusammen, die ständig Angst hatte, schwer krank zu sein, obwohl sie eigentlich gesund war. Er fuhr sie zu Ärzten, tröstete sie, regelte alles für sie, und sobald er nicht sofort sprang, kamen Abwertungen. Mit der Zeit war er weniger ihr Partner als eher ihr Pfleger.

Als wir auf seine Kindheit geschaut haben, kam ein Tag zur Sprache, der alles verändert hat. Felix war sechs Jahre alt, als sein kleiner Bruder im Dorf von einem Auto erfasst wurde, schwer verletzt wurde und danach ein Leben lang Pflege brauchte. Seine Eltern waren im Ausnahmezustand, und Felix wurde von einem Tag auf den anderen unsichtbar. An seine eigene Einschulung erinnert er sich kaum, er weiß nur noch, dass seine Oma ihn begleitet hat.

Der sechsjährige Junge hat in dieser Zeit gelernt: Gesehen werde ich, wenn ich mich um andere kümmere und meine eigenen Wünsche vergesse. Mit 43 lebte er genau diese Rolle wieder, weil sein Nervensystem das Gebrauchtwerden mit Nähe und Sicherheit verwechselt. Und es lag nie an ihm.

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Die vier Urwunden und wie sie sich in Beziehungen zeigen

Nimm dir für diesen Abschnitt etwas Zeit, in der du ganz bei dir sein kannst. Ich beschreibe dir die vier Urwunden, die mir in meiner eigenen Geschichte und in meiner Begleitung begegnen. Vielleicht erkennst du dich in einer davon wieder, vielleicht in zweien, denn sie treten manchmal gemeinsam auf.

Die Wunde der Ablehnung

Sie entsteht, wenn ein Kind immer wieder spürt, dass es so, wie es ist, nicht gewollt ist. Vielleicht warst du das „Schwarze Schaf“, während dein Geschwister das „Goldkind“ war. Vielleicht konntest du es deinen Eltern oder einem Elternteil nie recht machen, weil du angeblich immer zu laut, zu langsam oder zu empfindlich warst. Der innere Satz dazu lautet oft: „Mit mir stimmt etwas nicht.“ oder „Ich bin nicht gut genug.“

Wer diese Wunde trägt, passt sich als Erwachsener oft an, bevor überhaupt jemand ablehnen kann, und liest die Wünsche des Gegenübers, bevor sie ausgesprochen sind. Narzissten geben am Anfang das, was diese Wunde am meisten vermisst: Bewunderung, Begeisterung, das Gefühl, endlich richtig zu sein. Wird diese Idealisierung dann aber plötzlich entzogen, trifft das die alte Wunde mit voller Kraft, und du strengst dich noch mehr an, um sie zurückzubekommen.

Eine Frau sitzt mit gefalteten Händen auf dem Bett und fleht, der Mann neben ihr wendet sich ab und hebt abwehrend die Hand.
Emotionale Zurückweisung und Abwertung können alte Erfahrungen von Ablehnung oder Verlassenwerden reaktivieren und starke Verlustangst auslösen.

Die Wunde des Verlassenwerdens

Sie entsteht, wenn Nähe in der Kindheit unberechenbar war. Ein Elternteil ist gegangen, war lange krank oder emotional nicht da, oder Zuwendung kam und verschwand wieder, ohne dass du einen Grund erkennen konntest. Der innere Satz dazu: „Wer mich liebt, verlässt mich irgendwann wieder.“

Heute schlägt dein Nervensystem bei jeder Distanz Alarm, bei einem Schweigen, bei einer Nachricht, die länger unbeantwortet bleibt.

Eine Frau steht verunsichert an der Schlafzimmertür, der Mann sitzt auf dem Bett und schaut nur auf sein Handy.
Abwertung und emotionaler Rückzug können eine alte Urwunde aktivieren und dazu führen, dass Betroffene noch stärker um Nähe und Anerkennung kämpfen.

Narzissten ziehen sich zurück und kommen wieder, und jedes Mal, wenn die Nähe zurückkommt, beruhigt sich dein Körper. So entsteht leicht die Überzeugung, dass nur dieser eine Mensch dir diesen Schmerz nehmen kann, obwohl er ihn gerade selbst ausgelöst hat.

Die Wunde des Verrats

Sie entsteht, wenn Versprechen immer wieder gebrochen wurden oder wenn ein Kind sich anvertraut hat und genau das später gegen es verwendet wurde. Manchmal wird ein Kind auch von einem Elternteil als Verbündeter gegen den anderen benutzt. Der innere Satz dazu: „Ich kann mich auf niemanden verlassen.“

Menschen mit dieser Wunde tragen oft beides in sich, ein tiefes Misstrauen und eine große Sehnsucht nach jemandem, dem sie endlich vertrauen können. Narzissten zeigen am Anfang genau diese Verlässlichkeit, mit großen Versprechen und gemeinsamen Zukunftsplänen. Tauchen dann die ersten Lügen auf, zweifelst du eher an deiner Wahrnehmung als an diesem Menschen, weil die Hoffnung, endlich vertrauen zu dürfen, so kostbar ist.

Die Wunde der Demütigung

Sie entsteht, wenn ein Kind ausgelacht, vor anderen bloßgestellt oder für seine Gefühle beschämt wurde, mit Sätzen wie „Stell dich nicht so an“ oder „Schäm dich“. Das Kind lernt daraus, dass das, was es fühlt und braucht, unangemessen oder peinlich ist. Der innere Satz dazu: „Was ich brauche, ist zu viel.“

Noch als Erwachsener fühlt sich Abwertung dann vertraut an, manchmal fast normal. Eine Spitze vor Freunden, ein Witz auf deine Kosten, und hinterher heißt es, das war doch nur Spaß. Du lachst mit und fühlst dich später beschämt und wertlos, wenn du dann allein bist. Narzissten brauchen das Gefühl, über anderen zu stehen, und ein Mensch, der Beschämung von klein auf kennt, wehrt sich selten dagegen.

Warum Narzissten deine Urwunde finden

Eine Frage höre ich in meiner Begleitung immer wieder: „Warum gerate ausgerechnet ich an solche Menschen?“ Die Antwort liegt in deinem Nervensystem.

Vertraut fühlt sich sicher an

Dein Nervensystem prüft neue Menschen zuerst darauf, ob sie sich vertraut anfühlen. Wer als Kind Zuwendung, Angst und Unsicherheit im Wechsel erlebt hat, erkennt genau diese Mischung später blitzschnell wieder. Das Wiedererkennen fühlt sich an wie Anziehung, manchmal wie Seelenverwandtschaft, weil dein System sagt: Das kenne ich, das habe ich schon einmal überlebt.

Ein ruhiger, verlässlicher Mensch wirkt daneben vielleicht blass oder sogar langweilig. Dein Körper kennt diese Ruhe nicht und traut ihr deshalb nicht, obwohl sie dir guttut.

Das Pflaster wird zum Hebel

Narzissten können ihre Kraft nicht aus sich selbst schöpfen, deshalb sind sie auf Bewunderung, Aufmerksamkeit und Kontrolle angewiesen. Sie erkennen sehr schnell, wo ein Mensch bedürftig ist, und wenn sie Interesse an ihm haben, geben sie am Anfang großzügig, was er vermisst. Dieses Gefühl legt sich wie ein Betäubungspflaster auf die Urwunde, und du glaubst: Endlich jemand, der mich wirklich sieht.

Diese Menschen haben deine Wunde nicht gemacht, aber sie benutzen sie. Das Pflaster verschwindet, wenn du zu viel Raum für dich willst, und es kommt zurück, wenn du gehen möchtest. So wird aus dem Gefühl, das dich getröstet hat, der Hebel, durch den du gesteuert wirst. Deine emotionale Abhängigkeit gilt diesem Gefühl, und gar nicht, wie du vielleicht denkst, dem Menschen selbst.

Woran du merkst, dass deine Urwunde gerade spricht

Eine Urwunde meldet sich selten mit einem klaren Gedanken. Sie meldet sich über Reaktionen, die dich selbst überraschen, und über deinen Körper.

Deine Reaktion ist größer als der Anlass

Ein vergessener Rückruf, ein kühler Blick, eine kurze Antwort, und in dir bricht etwas zusammen, das mit diesem Moment wenig zu tun hat. Wenn du heute unangemessen heftig reagierst, spricht in diesem Moment oft das kleine Kind in dir, das sich zu Hause nicht sicher fühlen konnte.

Der Vorgang dahinter ist körperlich. Sobald dein Nervensystem Alarm schlägt, fährt es die Stresshormone hoch und schaltet das ruhige Abwägen weitgehend ab, weil dein Körper glaubt, es geht ums Überleben. Dieser Teil deines Gehirns unterscheidet nicht zwischen dem Kind, das du warst, und dem Erwachsenen, der du heute bist, und die Angst vor dem Verlust einer Bindung ist dann oft viel älter als die Beziehung, in der sie gerade auftaucht.

Dein Körper meldet sich zuerst

Manche Menschen spüren einen Druck in der Brust, wenn sie an eine bestimmte Person denken, andere einen Kloß im Hals, einen Magen, der sich zusammenzieht, oder eine bleierne Erschöpfung, sobald sie an Trennung auch nur denken. Der Schlaf wird flach, und manchmal scheint der Boden unter den Füßen wegzubrechen.

Diese Symptome sind Erinnerungen deines Körpers an alte Gefühle, die in deiner Kindheit zu groß waren, um sie zu fühlen. Dein Körper hat sie gespeichert, und Jahrzehnte später sind sie noch aktiv, auch wenn dein Verstand längst weiß, dass du erwachsen bist.

Die Stille nach der Trennung ist kaum auszuhalten

Viele rechnen damit, dass nach einer Trennung vom toxischen Partner oder Partnerin sofort Ruhe einkehrt. Was aber oft zuerst kommt, ist eine Leere, die sich wie ein tiefes Loch anfühlt. Und der Sog, zurück ins vertraute Drama zu gehen, nur um überhaupt wieder etwas zu spüren, beginnt.

Diese Leere oder auch Angst oder Trauer ist die Urwunde, die sich meldet, sobald das Betäubungspflaster fehlt. Dein System war jahrelang darauf trainiert, Lebendigkeit über starke Reize und den emotionalen Überlebenskampf zu spüren. In dieser Stille sehnt sich etwas in dir danach, dich selbst zu fühlen, ohne dass dich jemand aufwühlen muss, und genau hier beginnt die Heilung.

Eine Frau sitzt barfuß und erschöpft auf dem Schlafzimmerboden, eine Hand im Haar.
Nach der Trennung kann die alte Urwunde besonders spürbar werden, wenn Nähe, starke emotionale Reize und das vertraute Beziehungsmuster plötzlich fehlen.

Urwunde heilen: Wo Heilung wirklich beginnt

Eine Urwunde bleibt bestehen, solange sie nie wirklich angeschaut wird. Betäubt ein neuer Mensch sie wieder, wird sie wieder nur überdeckt, und sie steuert weiter deine Entscheidungen.

Verstehen ist ein wichtiger Anfang, aber Heilung passiert im Erleben. Dein Nervensystem lernt Sicherheit über neue Erfahrungen, die es als positiv spürt, und du darfst ihm diese Erfahrungen nach und nach geben. Den Emotionen, die dann hochkommen, darfst du Raum geben. Wenn du erlebst, wie sie abklingen, spürst du deine Selbstwirksamkeit. Dein Vertrauen in dich selbst wächst jedes Mal. Wir können nichts rückgängig machen, was in der Kindheit passiert ist. Aber wir können anerkennen, dass es in unserer Kindheit so war, dass es nicht an uns lag, und dass wir liebenswerte Menschen sind, auch wenn wir uns um uns selbst kümmern.

Dazu gehört ein Abschied, der oft schwerfällt: Der Abschied von der Hoffnung, dass sich der Mensch ändert, der dich so festhält. Solange du auf diese Veränderung wartest, gibst du ihm die Aufgabe, deine Wunde zu versorgen, und diese Aufgabe kann er nicht erfüllen.

Wenn du dann den Weg gehst, dir selbst zu geben, was deine Wunde braucht, stößt du manchmal auf eine Mauer aus Angst, gerade dann, wenn du dich zum ersten Mal selbst ernst nimmst. Diese Angst ist ein Zeichen, dass sich etwas Altes bewegt, und du darfst weitergehen. Wie dein Selbstwert danach Schritt für Schritt wieder wächst, beschreibe ich in meinem Beitrag „Selbstwert aufbauen nach einer narzisstischen Beziehung“.

Was du jetzt tun darfst

Diese drei Schritte sind klein, und sie wirken genau deshalb. Fang am besten gleich heute mit dem ersten an.

Schritt 1: Gib dem alten Gefühl einen Moment Raum

Wenn die nächste heftige Reaktion kommt, halte kurz inne. Leg eine Hand auf die Stelle, an der du das Gefühl spürst, atme ruhig und sag dir innerlich: „Das ist ein altes Gefühl. Ich bin heute erwachsen, und ich bin heute für mich da.“

Du musst das Gefühl nicht wegmachen. Du lässt es einen Moment lang da sein, ohne davor wegzulaufen, so wie du ein weinendes Kind in den Arm nimmst. Dein Nervensystem erlebt dabei etwas, das es bisher vielleicht nicht kannte: Dieses Gefühl ist auszuhalten, und du zerbrichst nicht daran. Während es abklingt, erlebt dein System, dass du heute sicher bist.

Schritt 2: Finde deinen inneren Satz

Nimm dir am Abend ein paar Minuten und schreib auf, in welcher Situation deine Reaktion zuletzt größer war als der Anlass. Frag dich dann: Welcher Satz steckt in diesem Gefühl? Und wann habe ich dieses Gefühl zum ersten Mal gespürt?

Oft taucht nach einigen Tagen ein Satz auf, der von früher her kommt. Sobald er auf dem Papier steht, verliert er einen Teil seiner Macht, weil du ihn jetzt von außen anschauen kannst.

Schritt 3: Gib dir selbst, was dir als Kind gefehlt hat

Wähl jeden Tag eine kleine Sache, die dir guttut, und tu sie, ohne um Erlaubnis zu fragen und ohne dich innerlich dafür zu rechtfertigen. Eine Pause, ein Spaziergang, ein Nein zu einer Bitte, die dich überfordert.

Damit zeigst du deinem Nervensystem, dass du heute selbst für dich sorgen kannst. Logisch erklären kannst du das deinem System nicht. Der Zugang funktioniert nur über gelebte Erfahrungen und Emotionen. Jede neue positive Referenzerfahrung versorgt deine alte Wunde, bis sie kein Betäubungspflaster mehr braucht.

Eine Frau steht im warmen Morgenlicht am Fenster, hält eine Tasse in beiden Händen und schaut ruhig hinaus.
Die Heilung alter Beziehungsmuster wächst durch neue Erfahrungen von Selbstfürsorge, Sicherheit und dem Vertrauen, heute für sich selbst sorgen zu können.

Wenn du wissen willst, wo du in deiner Beziehung gerade stehst, fang mit einem kurzen Test an.

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16 Fragen, drei Minuten, vertraulich.

Was ich dir aus meiner eigenen Geschichte sagen kann

Ich habe meinen späteren Ehemann mit 16 Jahren kennengelernt, und schon zu diesem Zeitpunkt war ich voller Unsicherheit. Da war die Angst, nicht zu genügen, die Angst, allein zu bleiben, die Angst, im Leben nicht die richtigen Entscheidungen für mich treffen zu können und irgendwo falsch abzuzweigen. Er hat mir vom ersten Moment an das Gefühl gegeben, zu wissen, wie mein Leben aussehen kann, und genau das war mein Betäubungspflaster.

Daraus wurden 27 Jahre in einer Beziehung und Ehe, mit Lügen, Isolation, körperlicher und emotionaler Gewalt. Wie oft ich mich trennen wollte und wieder zurückgegangen bin, weiß ich heute nicht mehr. Ich konnte nicht gehen, weil eine Angst in mir aktiv war, die schon immer in mir war, ein Druck in der Brust und dieser eine Gedanke, das Leben allein nicht zu schaffen.

Viele Jahre lang habe ich geglaubt, diese Angst sagt mir etwas über ihn und darüber, dass ich ihn brauche. Erst viel später habe ich verstanden, dass sie mir etwas über das Mädchen erzählt hat, das ich als recht orientierungslose Jugendliche war. 2013 habe ich geschafft, mich zu trennen.

Heute begleite ich als Trennungsmentorin Menschen auf dem Weg aus toxischen Bindungen hin zu mehr Selbstwert, Klarheit und echter innerer Verbundenheit. Ich sehe in meiner Begleitung immer wieder, wie viel leichter der Weg wird, sobald die eigene Urwunde einen Namen hat. Ich habe für diesen Weg sehr lange gebraucht. Du kannst auf diesem Weg eine Abkürzung gehen.

Auf meinem YouTube-Kanal spreche ich über genau die Dinge, die nur Menschen wirklich verstehen, die es erleben oder erlebt haben. Auch dort findest du mich.

Alles Liebe, Anita.

Was dennoch gesagt werden muss

Der Weg zur Heilung einer Urwunde ist hier sehr kompakt und verkürzt dargestellt. Begleitung ist keine Behandlung: Ich stelle keine Diagnosen, ich verspreche keine Heilung, und ich ersetze keine Psychotherapie und keine ärztliche Hilfe. Wo Traumafolgestörungen, anhaltende depressive Phasen, Panikattacken oder Angststörungen im Spiel sind, gehören ausgebildete Fachkräfte dazu, auch zusätzlich zu einer Begleitung. Wenn du dich in akuter Gefahr befindest oder dein Leben dir sinnlos erscheint, hol dir bitte umgehend ärztliche Hilfe oder ruf den Notruf. Das ist der stärkste Schritt, den es in diesem Moment gibt.

Was ich tue: Ich zeige dir die Dynamik, in der du steckst, und den Weg, der dich in die Selbstbestimmung führt, in deinem Tempo. Für Klarheit über deine Lage und für Lösungsstrategien begleite ich dich gern weiter, du kannst mich in einem kostenlosen Erstgespräch von 45 Minuten kennenlernen, vertraulich und in Ruhe. Wir schauen gemeinsam, was deine größten Herausforderungen sind, ob alte Wunden bei dir aktiv sind und welcher nächste Schritt für dich der richtige ist.

Häufige Fragen zur Urwunde

Was ist eine Urwunde?

Eine Urwunde ist eine tiefe seelische Verletzung aus der frühen Kindheit. Sie entsteht, wenn ein Kind Sicherheit, Nähe, Trost oder Anerkennung immer wieder vermisst hat, und dafür braucht es kein traumatisches Einzelerlebnis, an das du dich erinnerst. Im Erwachsenenleben wirkt sie meist unbewusst weiter und beeinflusst, wen du anziehend findest, wie heftig du auf Distanz reagierst und warum du in Beziehungen bleibst, die dir nicht guttun.

Welche Urwunden gibt es?

Es gibt einige. Ich unterscheide grob vier Urwunden: Ablehnung, Verlassenwerden, Verrat und Demütigung. Hinter jeder steht ein innerer Satz, zum Beispiel „Mit mir stimmt etwas nicht“ bei der Ablehnung oder „Wer mich liebt, verlässt mich“ beim Verlassenwerden. Manchmal tragen Menschen zwei oder mehr dieser Wunden gleichzeitig in sich.

Wie erkenne ich meine Urwunde?

Ein deutliches Zeichen sind emotional heftige Reaktionen in Situationen, die heute eigentlich nicht mehr wirklich bedrohlich sind, etwa Panik bei einer unbeantworteten Nachricht oder tiefe Scham bei einer kleinen Kritik. Dazu kommen oft Körpersignale wie Druck in der Brust oder Angst beim Gedanken an Trennung, und Muster, die sich durch mehrere Beziehungen ziehen. Hilfreich ist die Frage, wann im Leben du dieses Gefühl zum ersten Mal erfahren hast, denn die Antwort führt oft in die Kindheit.

Kann man eine Urwunde heilen?

Ja, eine Urwunde kann heilen, und dafür gibt es Strategien. Es beginnt damit, das alte Gefühl bewusst zuzulassen und auszuhalten, ohne es von einem anderen Menschen oder von etwas im Außen überdecken zu lassen. Dann lernt dein Nervensystem über viele kleine neue Erfahrungen, dass du heute selbst für dich sorgen kannst, und Begleitung kann diesen Weg deutlich abkürzen.

Was hat eine Urwunde mit narzisstischen Beziehungen zu tun?

Narzissten finden meist schnell heraus, wo ein Mensch sehr bedürftig ist, und geben es am Anfang großzügig. Dieses Gefühl wirkt wie ein Betäubungspflaster auf der Urwunde. Später wird es unvorhersehbar wieder entzogen und erneut wieder verteilt. Über dieses emotionale Auf und Ab wirst du steuerbar. Eine emotionale Abhängigkeit entsteht genau durch diesen Prozess. Es ist nicht die Person, von der du abhängig bist, sondern das gute Gefühl, welches sie dir wahlweise gibt und wieder wegnimmt. Das erklärt, warum das Loslassen so schwerfällt, obwohl der Verstand längst Bescheid weiß.

Haben auch Männer eine Urwunde?

Ja. Urwunden entstehen in der Kindheit, und sie betreffen Jungen genauso wie Mädchen. In meiner Begleitung ist fast ein Drittel der Menschen männlich. Viele Männer haben früh gelernt, stark zu sein und die eigenen Bedürfnisse zurückzustellen, weshalb sie oft erst deutlich später darüber sprechen.

Brauche ich eine Therapie, um meine Urwunde zu heilen?

Das hängt davon ab, wie tief die Verletzungen reichen. Bei traumatischen Erfahrungen, anhaltenden depressiven Phasen oder Angststörungen gehört eine Psychotherapie mit ausgebildeten Fachkräften dazu. Eine Begleitung arbeitet alltagsnah an der Dynamik, an deinen Mustern und an der Urwunde darunter, und beides schließt sich nicht aus.

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